Nicht mehr von null auf hundert
Die ehrliche Antwort lautet: Für die ersten 70 Prozent braucht man uns in vielen Fällen tatsächlich weniger als früher.
KI kann Ideen strukturieren, User Flows vorschlagen, Interfaces gestalten, Varianten erzeugen und funktionierende Prototypen bauen. Sie ist schnell, geduldig und beleidigt sich nicht, wenn du zum 14. Mal sagst, dass der Button doch wieder nach links soll. Das ist großartig. Es demokratisiert einen Teil der Produktentwicklung, der lange teuer und langsam war.
Unsere Aufgabe verschiebt sich deshalb. Wir bringen Produkte nicht mehr ausschließlich von null auf hundert. Immer häufiger begleiten wir sie von 70 auf 120 Prozent.
Die 120 Prozent sind natürlich keine mathematische Größe. Sie beschreiben den Weg von „funktioniert irgendwie“ zu „ist klar, marktreif, unterscheidbar und hält auch der Realität stand“. Ein Prototyp kann einen guten Flow zeigen. Er beantwortet damit noch nicht automatisch, ob das Produkt das richtige Problem löst, ob das Geschäftsmodell dazu passt oder ob Nutzer den entscheidenden Wert überhaupt erkennen.
Ein Prototyp ist eine Antwort auf eine noch ungeprüfte Frage
Wenn ein Kunde mit einem Prototyp kommt, können wir viel schneller konkret werden. Das ist ein Gewinn. Statt über abstrakte Anforderungen zu sprechen, sehen wir Entscheidungen. Wir sehen aber auch, welche Fragen bisher nicht gestellt wurden.
Wir sehen, wenn ein Team bereits über die Farbe der Vorhänge diskutiert, obwohl noch nicht einmal klar ist, wo die Eingangstür hinkommt. Wir erkennen, wenn fünf Menschen freundlich nicken, aber eigentlich fünf verschiedene Produkte bauen wollen. Und wir merken meistens recht schnell, ob ein Feature wirklich gebraucht wird – oder nur deshalb existiert, weil es im Prototypen so beeindruckend aussieht.
Genau darin liegt ein großer Teil unserer heutigen Arbeit: gemeinsam mit dem Kunden herauszufinden, was der Kern ist. Nicht möglichst viel gestalten, sondern die richtige Entscheidung sichtbar machen.
Wir machen daraus konkrete Arbeit in Produktstrategie, User Research und Testing: Welches Problem hat Vorrang? Welche Annahme müssen wir mit Nutzern prüfen? Was gehört in die nächste Version? Ein Prototyp macht diese Fragen anschaulich. Research hilft uns zu verstehen, ob die Antwort auch außerhalb des eigenen Teams trägt.
Die Erfahrung aus rund 900 Projekten hilft dabei. Nicht, weil wir alles schon wissen. Sondern weil wir bestimmte Muster früher erkennen. Welche Abhängigkeit später teuer wird. Wo ein Team einen Konflikt in ein Interface verlagert. Welche kleine Unklarheit im Prototypen später durch Produkt, Technologie, Marketing und Support wandert.
Wer einen vorhandenen Prototypen prüfen möchte, braucht deshalb oft keinen kompletten Neustart. Ein UX-Audit kann zeigen, welche Teile tragfähig sind und wo die letzten 30 Prozent den Unterschied zwischen Demo und Produkt machen.
Auch im Design sind wir nicht mehr die einzige Autorität
Wir müssen uns nichts vormachen: KI kann heute bereits einen beträchtlichen Teil klassischer Designarbeit schneller erledigen. In meiner persönlichen Einschätzung ist sie in ungefähr 60 Prozent der Fälle schneller und manchmal auch besser. Diese Zahl ist keine Studie. Sie ist eine Beobachtung aus unserer täglichen Arbeit.
In einigen Jahren werden es vielleicht 80 oder 90 Prozent sein. Wer als Designer darauf hofft, dass KI irgendwann wieder verschwindet, kann auch darauf warten, dass das Fax ein Comeback feiert.
Das ist keine Abwertung von Design. Es zwingt uns nur zu einer ehrlicheren Definition unserer Leistung. Eine sauber gesetzte Oberfläche, eine sinnvolle Komponentenlogik oder eine Reihe plausibler Varianten sind nicht mehr automatisch der Teil, für den ein Kunde eine Agentur braucht. Diese Arbeit wird weiterhin wichtig sein. Aber sie wird schneller und häufiger gemeinsam mit Maschinen entstehen.
Unsere Aufgabe liegt in den verbleibenden Prozenten. Und die sind leider nicht einfach die letzten zehn Pixel.
Die letzten zehn Prozent sind keine Restarbeit
Die letzten zehn Prozent bestehen aus Entscheidungen, die sich nicht zuverlässig aus dem Durchschnitt vergangener Lösungen ableiten lassen.
Was soll dieses Produkt bewusst weglassen? Welche Regel brechen wir, damit die Marke erkennbar wird? Wo braucht ein Flow weniger Komfort und dafür mehr Vertrauen? Welche scheinbar unvernünftige Idee erzeugt genau die Erinnerung, die dem Produkt bisher fehlt?
KI ist sehr gut darin, Wahrscheinliches zu produzieren. Ein marktreifes Produkt braucht aber manchmal etwas Unerwartetes: eine Kante, eine Pause, eine eigenartige Formulierung oder eine Entscheidung, die nicht sofort allen gefällt. Nicht als Dekoration und nicht aus Designer-Eitelkeit. Sondern weil Menschen Produkte nicht nur bedienen. Sie spüren, ob etwas für sie gedacht wurde oder aus dem Mittelwert aller anderen Produkte entstanden ist.
Diese Ecken und Kanten müssen trotzdem funktionieren. Überraschung ohne Verständnis ist nur Verwirrung. Menschlichkeit ohne handwerkliche Präzision ist Schlamperei. Die Arbeit besteht darin, die richtige Abweichung zu finden und sie so weit zu entwickeln, dass sie im Markt bestehen kann.
Deshalb gehört Branding für uns in diese Diskussion. Wenn die KI fünf plausible Oberflächen erzeugt, fehlt vielleicht keine sechste. Vielleicht fehlt eine erkennbare Identität. Wir arbeiten dann an visueller Sprache und Tone of Voice und übersetzen sie ins Produkt. So wird aus „sieht professionell aus“ ein Auftritt, der zu diesem Unternehmen gehört.
Marktreife bedeutet mehr als ein schönes Interface
Ein marktreifes Produkt verbindet mehrere Ebenen. Das Wertversprechen muss erkennbar sein. Die wichtigsten Abläufe müssen funktionieren. Marke und Interface müssen zusammengehören. Das Team muss wissen, was zuerst gebaut wird. Technologie, Content und Betrieb müssen mitgedacht werden.
Im UX/UI-Webdesign entwickeln wir deshalb Informationsarchitektur, Nutzerführung und Interaktionen weiter, statt nur die Oberfläche zu polieren. Dazu kommen Zustände, die in einer Demo gern fehlen: Was passiert ohne Inhalt, nach einem Fehler oder auf einem kleinen Bildschirm? Ein Designsystem hält solche Entscheidungen konsistent, auch wenn das Produkt wächst.
Auch Barrierefreiheit gehört zur Marktreife. Ein Accessibility-Audit hilft, Hürden in Design, Content und Technik zu finden und die nächsten Änderungen zu priorisieren. Ein schöner Prototyp ist wenig wert, wenn ein Teil der Nutzer ihn nicht sinnvoll bedienen kann.
Bei komplexen Produkten zeigt sich das besonders deutlich. Unser SIXT Projekt umfasst beispielsweise weit mehr als einzelne Screens: ein internationales Designsystem, Buchungsabläufe, Accounts, Kommunikation und Landingpages für zahlreiche Märkte. An solchen Projekten lernt man, dass gute Gestaltung nicht an der Kante eines Figma-Frames endet.
KI kann in allen diesen Bereichen helfen. Sie kann Varianten beschleunigen, Inhalte vorbereiten, Muster erkennen und Prototypen bauen. Sie kann aber nicht allein entscheiden, welchen Konflikt ein Unternehmen bereit ist auszutragen oder welches Versprechen es über Jahre halten will. Dafür braucht es Menschen, die Verantwortung übernehmen.
Drei Ritter an einer Tafel
Das neue Modell ist für mich deshalb keine Konkurrenz zwischen Kunde, Agentur und KI. Es ist eine Zusammenarbeit mit klaren Rollen.
Der Kunde kennt sein Unternehmen, den Markt und die Zwänge. Silberpuls bringt Projekterfahrung, Außenperspektive und die richtigen unangenehmen Fragen ein. KI liefert Geschwindigkeit, Varianten und eine neue Form der Produktion.
Kunde, Silberpuls und KI: die drei Ritter der Tafelrunde. Historisch vermutlich nicht ganz korrekt, aber als Projektmodell ziemlich brauchbar.
Wenn du bereits einen Prototyp hast, musst du uns also nicht erklären, warum du noch keine perfekte Lösung mitbringst. Im Gegenteil. Bring die 70 Prozent mit. Dann finden wir gemeinsam heraus, welche 30 Prozent wirklich fehlen – und welche zehn davon dein Produkt menschlich, überraschend und marktreif machen.





